Fähnchen überall

17. Juni 2008

 

Ja, die Fähnchen. Gegen Langweile in öffentlichen Verkehrsmitteln auf der Fahrt von A nach B – und davon hatte ich am Wochenende einige (Fahrten meine ich – aber Langeweile auch) erfand ich ein neues Spiel: Fähnchen schätzen. Und dann: Fähnchen zählen. Von Berlin Hauptbahnhof bis Flughafen Tegel hatte ich auf 23 Deutschlandfähnchen getippt (Regeln: Es zählen nur Autofähnchen und jede Fahne nur einmal). Tatsächlich waren es aber 35. Ansonsten: etwa dieselbe Fähnchendichte wie (zumindest bis gestern noch) in Wien würde ich sagen.

 

Gestern in einer müßigen Stunde nach getaner Arbeit an der ÖNB saß ich dann in einem Wiener Kaffeehaus und ließ die Fangrüppchen an mir vorbeiziehen.  Mein Favorit unter den deutschen Fans: ein Transparent mit der Aufschrift

 

Wer war denn eigentlich dieser Córdoba?!

 

 … ich Esel hatte meine Kamera nicht dabei. Mein Favorit unter den österreichischen Fans: der Song ‚Hallo Deutschland’, gesungen nach der Bruder-Jakob-Melodie:

 

Hallo Deutschland, hallo Deutschland

Weißt du noch? Weißt du noch?

Kannst du dich erinnern? Kannst du dich erinnern?

Córdoba, Córdoba

 

Und heute: Alles aus. Der Kioskbesitzer nimmt’s ergeben, mein Nachbar ist nach seinen gestrigen hämischen Kommentaren über meine kurzerhand auf dem Balkon und eigens zu seiner Provokation gehißte Deutschlandfahne („kann man die auch auf Halbmast setzen?…“) spurlos verschwunden, die Arbeitskollegen hab ich noch nicht wieder gesehen und einer meiner österreichischen Seminarteilnehmer fragte grad beim Mittagsessen in die Runde, wie das Spiel denn eigentlich ausgegangen sei…

Unfaßbar.


Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

4. Juni 2008

Nein! Ich meine nicht den deutschen Bibliothekartag. Gewiß nicht.

Wenden wir uns mal den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu. Die da wären: Fußball. Und Fußball. Und: Fußball! Besonders natürlich in Zeiten großer Turniere. 2005 bin ich nach Österreich gegangen. Die WM im eigenen Land habe ich dadurch verpaßt. Statistisch betrachtet habe ich zwar noch eine reelle Chance, das in diesem Leben nachholen zu können. Aber da man ja nie weiß, ist es nur gerecht, daß ich jetzt wenigstens die EM gewissermaßen vor der Haustür mitnehmen darf. Die ihre Schatten vorauswirft. Am Samstag durfte ich erhebliche Zeit damit zubringen, nach meiner Marktfrau zu fahnden – sie (oder sagen wir weniger dramatisch: ihr Stand) war den Vorbereitungen für das Public Viewing zum Opfer gefallen.

Vor ein paar Tagen sah ich ein Auto mit österreichischem Kennzeichen und gleich 2 deutschen Fahnen. Ein österreichischer Deutschlandfan! Na so was, und das bei dieser Vorrundenkonstellation – das war mein erster Gedanke. Ach Quatsch, ein deutscher Gastarbeiter wie du – das war der zweite. Meinen dritten wage ich kaum niederzuschreiben: Wie das wohl wäre, wenn auch mein Fröschlein … mit Deutschlandflagge ausstaffiert? Und das als alte Linke. Huh. Aber nicht länger als ein paar Sekunden, Ehrenwort. Man wird halt zur Deutschen im Ausland, da kann man machen, was man will. Wechseln wir also lieber mal schnell zum vierten Gedanken: Und wenn es mir gelänge, eine niederländische Fahne zu ergattern … ? Das wär doch was. Und politisch ganz unverdächtig. Die sollen schließlich endlich mal wieder was reißen bei einem großen Turnier. Heute dann: vor dem Supermarkt ein Gefährt mit türkischer Flagge. Und vor dem Schwimmbad: gleich drei italienische Fahnen an bloß einem Auto. Da soll ihre Anzahl wohl kompensatorische Zwecke erfüllen.

Mein sehr überschaubarer österreichischer Bekanntenkreis teilt sich derweil in die nach dem Prinzip Hoffnung lebenden Optimisten (mein Nachbar), in resignierte Pessimisten (der Kioskbesitzer, dem ich täglich mit mehr oder weniger Erfolg eine Frankfurter Rundschau zu entreißen versuche) und in illusionslose Realisten (meine Arbeitskollegen). Die im Ergebnis natürlich mit den Pessimisten fusioniert werden können.

Wie auch immer: noch 3 Tage!